Marco Binetti

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Viatcheslav Sinitsine

WEIBERFASCHINGMÜSLI

6.März, 2003, Eichstaett, Bayern, Germany

Die ganze katholische Welt, wie es bekannt ist, feiert vor der Fastenzeit Karneval: viel Geräusch, Brüllen, Musik, Sich-Verkleiden und so weiter. Nachmittags machte ich einen Besuch bei einem ehemaligen Landsmann. Warum ehemaligen? Weil es keine UDSSR mehr gibt, sondern das unabhängige Russland und die Ukraine. Immerhin, für die Festigung zwischen zwei Vertretern der brüderlichen slawischen Völker können auch ein paar gute bayrische Maß' ganz schön behilflich sein. (Viel besser auf jeden Fall, als anhaltende politische Dispute zu führen, wer wen okkupiert hat und wer wem das Gas und das Erdöl gerade aus der Leitung klaut.)

Na, schon mitten in der Nacht ging ich ein bisschen angeheitert von dem „Genossen“ zu mir nach Hause, fest haltend dabei in den linken Achselgrube ein pralles Paket mit Obstmüsli und in den rechten - einen Laib „Hausbrot“, die ich kurz vor meinem Besuch in einem Supermarkt ganz günstig gekauft hatte. Ich sah aus wie ein schweres startendes Bombenflugzeug und konnte deswegen außerdem niemandem mehr „über die Achsel ansehen“. Diese Marke des Brotes ist viel billiger als die andere, weil man es selbst in die Scheiben schneiden muss. Wozu kaufte ich denn das Müsli, das bei uns ins Sibirien kaum bekannt ist und bestimmt für ein Luxuszeichen gehalten wird?! Was für 'ne komische Frage. Klar, für die schnellstmögliche kulturelle Integration! Um mich endlich als „normaler“ EU-Student zu fühlen. Meint ihr wohl auch, dass alle Russen nichts anderes machen, als in der tiefen Taiga, die angeblich an den Ufern der Wolga wächst, den ganzen Tag Balalaika spielen, was? Keine Sorgen, meine Filzstiefel und die Sammlung von „Matrjoschkas“ habe ich in der Heimatstadt vergessen. Und hier, in Mitteleuropa, brachte ich mir fantastisch geschwind bei, täglich in durchschnittlichen „Jeans-und-Pulli-Kombination“ an der Uni aufzukreuzen. Darüber dachte „das Flugzeug" nach, als es wiegend seine „friedliche Fracht“ nach Hause schleppte.

Ausgerechnet in dieser Nacht fand der sogenannte Weiberfasching („Babskij karnaval“) statt. Überall auf den Straßen der barocken Altstadt zeigten sich mich verlassene Autos, deren BesitzerInnen sich in sämtliche Gasthöfe Eichstätts quetschten. „O je“ - fiel mir ein - diese TrinkerInnen werden bestimmt bis zum frühen Morgen nicht wieder in ihre Wagen einsteigen. Ja, übrigens, an diesen komischen Substantiven mit den großen „I“ drin, die ich am Anfang in keinem Wörterbuch nachschlagen konnte, habe ich mich auch schon gewöhnt. Hauptsache, hier in Deutschland, dass man auf keinen Fall die weibliche Form vergisst. Die Frauen werden sonst gleich sehr beleidigt. Sie demonstrieren, sie würden für die Gleichgerechtigkeit ganz heftig kämpfen. Und daher konnte ich über die Personen, die ich in Lokalen traf, jetzt rein automatisch nur „Trinker und Trinkerinnen“ denken. Am WEIBERfasching darf man das wahrscheinlich auf keinen Fall vergessen, gell?

Was soll dieses plötzliche „Leben auf der Straße“ eigentlich?, - fragte ich mich selbst ganz verblüfft. Gestern, als ich meine Sprach-Tandem-Partnerin halb zwölf zu ihr nach hause begleitete, sah die Stadt voll ausgestorben aus... Ich bekam dabei sogar eine Art der Nostalgie nach den russischen Kiosks, die 24 Stunden am Tag geöffnet und sogar im Sommer oft mit den lustigen Weihnachtslämpchen verziert sind.

Aber heut'... Dort und da begegneten mir verkleidete fröhliche Mädels: Hexen mit üppigen Besen, Wassernymphen mit langen grünen Haaren und sogar... Schweinchen mit witzigen rosa Rüsselchen. Wie cool! Meine gehobene Laune sank aber ein wenig, als ich keine Mädchen in kurzen bayrischen Dirndeln traf. Ich weiß, die Wies'n ist schon lange vorbei und bei dem Wetter konnten leicht gekleidet nur Walrosse spazieren gehen, aber...wir Ausländer da, kriegten schon auch einige stereotype Vorstellungen von Bayern. (Eine portugiesische Studierende gab mir neulich zu, dass sie für die hiesigen Brezeln schwärmt, und ein Studierender aus China, der immer und mit allem zufrieden zu sein scheint, antwortet jedes Mal mit einem nettem Lächeln auf meine Frage wie es im läuft: „Passt Ssön!“

Als ich an der KHG vorbei kam und auf die Luitpoldstraße nach rechts abbiege, wurde ich gleich von einer Mädelschar angehalten. Die schätzte ich auf 8 Personen. Die Stimmung bei mir ging aufwärts, als ich sie mir detailliert anschaute. Sie stellte eine wilde Bande von Lateinamerikanerinnen dar, hatten wie der Ruß oder wie Federn von Raben angeklebte Schnurrbärte und Bärte, Sombreros, Ponchos und ganz verschiedene Musikinstrumente. Sie lachten und brüllten so laut, unbeherrscht, temperamentvoll und leidenschaftlich, dass der nächste logische Schritt gewesen wäre, dass die „Machos“ gleich im selben Moment ihre bisher in den Ponchos versteckten Folienmacheten herausziehen und ihr Nachtgemetzel anfangen. Aber...

- Fir zint la Gruppa „Los Vol Prallos“ !!! Kauf unssero Zede!!!

- Was?!

- CD!!! MUSICA LATINA-AMERICANA! Hay ariva! Hay ariva!

- Hä?! - fiel mir plötzlich ein Wörtchen, dessen Bedeutung gerade gestern meine nette Sprach-Tandem-Partnerin mir erklärte - spinnt Ihr?! „Ich bin ein armer Student. Ich hab' ja kein Geld mit“, - fing ich eine typische Ausrede an, das Studenten überall in Russland vom Abitur bis zum Magisterdiplom als Argument für aufdringliche Bettler „singen“. Einige besonders begabte „Armerstudent-Singer“ bekommen sogar selbst von Zeit zu Zeit ein paar Münzen von gütigen „Omas“, deren Arbeit darin besteht, vor dem Eingang des Kirchenhofs die Passanten ums Geld bitten. Jetzt half' s mir auch.

- Na gut, was hast du denn da? - Der Machohäuptling packte mein Müslipäckchen und riss es an sich. Wegen des unerwarteten Gleichgewichtverlustes wurde ich auf einmal so, wie ein Sturzkampfbomber, der eine seiner Bombe irgendwie verlor und sich jetzt unnatürlich krumm hält.

- Hä?! - bemühte ich mein topaktuelles frisch gelehrtes Wort wieder. - Was ist da drauf?! Der Rote-Armee-Chor?! Oder der Diabetes hervorrufende Dieter Bohlen, gell? Spielt aber mal eure Musik! Wozu habt ihr denn diese Mandolinen, Blockflöten, Panflöten, Rasseln? - Ich bekam das Verdacht, sie können überhaupt nicht spielen, sondern nur schwarz handeln.

Da schaltete eine findige „Banditin in Sombrero“ einen tragbaren CD-Player ein. Es kam echt tolle tanzbare Musik à la „Manu Chao“ oder was, das den Soundtracks aus Filmen von Quentin Tarantino ähnelt. Alle anderen begannen gleichzeitig mitzuspielen (so...mitpfeifen und mitklirren) und wieder laut schreien und sie versuchten mich zu küssen. Es war so lustig! Ich konnte solchen netten Leuten jetzt einfach nicht absagen, als sie mich zum Tanzen aufforderten: - Rumba! Rumba! - und ich bemühte mich, mich an die Hüftbewegungen zu erinnern, die mir neulich ein Freund aus Ecuador beigebracht hatte. Übrigens, diese besonderen Bewegungen gehörten aber zu einem ganz anderen lateinamerikanischen Tanz. Egal! So fröhlich, so frei und lustig ist es!!! „Hay ariva! Hay ariva! R-r-r-uch-huuu!“ - Dieses Geschrei konnte man leicht sogar auf dem Marktplatz hören. -„Carnavallo!!! Carnavallissimo!!! Viva la Europäische Union!“

Inzwischen wurde mir eine noch fast volle Flasche mit echten Tequila (!) für die Stimmungserleichterung vorgeschlagen: - „Trink moi!“ Mit einem unbeherrschten und vom Tanzen kühnen Durst trank ich direkt aus der Flasche (is gorlá) einige wirklich tüchtige Schlucke. Ich überlegte gleichzeitig, dass Tequila, den ich wohl erst zum dritten Mal in meinem Leben trinke, mir viel viel besser bekommt, als hessischer - angeblich „Russkaya Vodka“, den sogar seit langem hier in Deutschland wohnende Geschmacksprüfer aus kasachischen Dörfern für „nicht authentisch“ halten.

Darüber dachte ich nach... mein Kopf war nach hinten gebogen, ich stand mit der umgedrehten Flasche in der linken Hand und saugte nach Herzenslust das exotische Getränk aus den rätselhaften und geheimnisvollen Kakteen ein. Jetzt war ich kein militärisches Flugzeug mehr, sondern ein junger Pionier aus meiner Kindheit mit einem Horn (die Flasche) und einer Trommel (das Brot) in den Händen. Ja, ein junger Bruder des Komsomols, „immer bereit“... Ja...

Der Traum explodierte plötzlich wie eine Kaugummiblase, als jemand durch das Musikausschalten das schönste Trompetensolo auf ganz barbarische Art und Weise abbrach. - Autsch! - ich riss die Lippen von der Flasche und starrte verdutzt die Leute mit den Bärten und den dicken Zigarren zwischen den Fingern an: Kaum zu glauben: Wow!!! Da sind ja Fidel Castro und Che Guervara persönlich! Sie besuchten wohl unser Pionierlager in Artek (das größte Pionierlager der Welt)! Trotz allem ist es ziemlich kalt hier, an der südlichen Krimküste! - „Viva... Viva Cuba!“ - fng ich an, mit heiserer Stimme zu rufen... - „Die Amerikaner sind Schurken!!! Ja ja! Amerikaner sind Schurken!“ - rief ich weiter den schrillen Slogan... Ich konnte mich aber nicht mehr daran erinnern, woher ich diese Idee aufgefangen hatte?! Klar - aus dem Fernsehen, weil mich selbst bisher kein Amerikaner betrogen hat. Hm... Aber, aus welcher Sendung, wann? Vor Jahren im weiten Sibirien, wo das Schwarz-weiß-Progamm nur zwei Kanäle hatte, oder gestern im Satellitenfernsehen in einem Studentenwohnheim?! Egal! Dieses Motto ist anscheinend aktuell in allen beliebigen Kreuzungen von Zeit und Raum. Diese Amerikaner sind wahrscheinlich existenziell, schon a priori Schurken...

„Stopp!“, - sagte ich mir selbst, - „Du bist in der EU, mein junger Freund, und du feierst gerade mit diesen „nicht ganz ordentlichen Mädchen“ ihren professionellen weiblichen Feiertag. Also, pass auf dass du niemandem die Feier verdirbst!“

Zwar blieben in der Flasche noch etwa drei oder vier Finger hoch Getränk übrig, aber die „Sombrero-Girls“ guckten ganz erschrocken...

- Was ist das Problem? Ach, so...

Erst jetzt bemerkte ich und verstand, dass sie mir während der ganzen Zeit (für den Probenschluck wahrscheinlich) ein winzig kleines Gläschen zum Teqilatrinken anzubieten versuchten. Das wäre mir in dem Moment gar nicht eingefallen... Nur „is gorlá“. Ich schaute sie prüfend an... Seufzte tief...

In Supermarkt „Norma“ kostet eine solche Flasche mit Teqila 10 Euro ungefähr. (Das heißt, selbstverständlich 9,99). Vielleicht hatten die Mädels mit je 1 Euro Beitrag zusammengelegt. Sie trauten sich nicht mal ihre dicken Havanna-Zigarren anzünden... Ach du Scheiße! Mit solchen Klienten wie mir gehen sie mit ihrem Geschäft bestimmt blitzschnell Pleite! Sie überlegen jetzt sicher ob es lohnt, mir diese gebrannte CD herauszurücken. Ich war ja unrentabel.

Endlich gaben sie sie mir. Ich verbeugte mich, wünschte höflich noch ein frohes Fest und ging weiter nach Hause. (Das „Flugzeug“ war nun, klar, übergetankt und trudelte daher ein bisschen. Sein „Autopilot“ war aber in der UdSSR gemacht, vielmals schon geprüft und deshalb voll zuverlässig).

Trotzdem biss mich unterwegs leicht und zärtlich mein Gewissen. Ich schaffte es kaum, eine Ausrede für es zu erfinden: „Du, überleg mal, auch wenn ich dieses Gläschen bemerkt hätte, hätte ich nicht aus ihm getrunken! Es war so klein... Nicht größer als der Magen des Baby-Katers aus der Werbung für Katzenfutter „Whyskas“!!!

Schon grad vor meinem Wohnheim, begegnete ich noch einer Weibergruppe. Die bildeten sich ein, „Teufelinnen“ zu sein. Sie waren in schwarze Sachen gekleidet, trugen dazu auf den Köpfen rote Hörnchen und in den Händen Mistgabeln aus Plastmasse mit drei doofen Zinken. Die Hexen sahen aber so unnatürlich überspannt und abgeschmackt aus, dass ich sie ohne lange Nachzudenken energisch wegschickte. Die „Latinos“ waren, so scheint's, sicher in der katholischen Tradition aufgewachsen. Aber die da... Sie fielen wegen ihrem unchristlichen Aussehen und ihrer blödsinnenden Haltung auf. Mit solchen Figuren zusammen zu trinken habe ich keinen Bock. (Und ich sah sie über meine schon vom Paket freie linke Achsel an).

Also... Spät am nächsten Morgen aß ich zum Frühstuck kein Müsli mit Joghurt, sondern... Schweinespeck mit Zwiebel. Und ich bekam keinen Kater dabei!!! Unglaublich! Viva Teqila pura! Viva lustige Mädchen! Viva Carneval! (Carne… vale?! - Fleisch…leb wohl?!) Oje, ich muss aber dringend bis zur Fastenzeit dieses Stück Speck aufessen. Das heißt... Leb wohl, Müsli!!!

© В. Синицин, 2003

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